Wenn die Tasse randvoll ist

Ein neu ernannter Landrat wurde in ein kleines Dorf versetzt. Da er schon in jungen Jahren die höchste Beamtenprüfung bestanden hatte und rasch zum Oberkreisdirektor aufgestiegen war, suchte er mit stolzgeschwellter Brust den weisesten und angesehensten Dorfältesten auf.
„Was glauben Sie, ist die wichtigste Tugend bei der Verwaltung dieses Dorfes?“, fragte er den betagten Weisen.
Der Älteste antwortete schlicht: „Das Böse zu vermeiden und so viele gute Taten wie möglich zu vollbringen.“
Der frischgebackene Landrat runzelte die Stirn: „Darüber weiß doch schon jedes Kind Bescheid! Machen Sie sich etwa über mich lustig?“
Der Dorfälteste blieb ruhig und gelassen. Er sagte kein Wort, sondern bot dem Beamten stattdessen eine Tasse Tee an. Als er einzugießen begann, erreichte der Tee schnell den Rand – doch der Alte goss einfach weiter. Die Flüssigkeit lief über und ergoss sich auf den Tisch und den Boden.
„Mein Herr, die Tasse ist bereits randvoll! Bitte hören Sie auf einzuschenken!“, rief der Landrat voller Unmut aus.
Da lächelte der Älteste milde und sagte: „Sie erkennen ganz richtig, dass eine Tasse, die bis zum Rand gefüllt ist, nichts mehr aufnehmen kann. Doch Sie bemerken nicht, dass auch in Ihrem Herzen kein Raum für neue Einsichten ist, solange es bereits voll von Ihren eigenen Ansichten ist.“