Die Rangordnung in unserer Familie
Jang Seong-min aus Seongnam in Korea

„Mein lieber Sohn! Papa hat so einen Riesendurst. Könntest du mir bitte gleich ein Glas Wasser holen?“
Nach der Arbeit fühlte ich mich so erschöpft und ausgelaugt, dass ich meinen älteren Sohn bat, mir einen Gefallen zu tun. Er dachte einen Moment nach und wandte sich dann an seinen jüngeren Bruder:
„Bitte bring Papa ein Glas Wasser!“
Der Jüngste warf seinem älteren Bruder einen vorwurfsvollen Blick zu und suchte anschließend in der Küche nach seiner Mutter:
„Mama! Papa ist so durstig …“
Unverzüglich rief seine Mutter die älteste Tochter zu sich, noch bevor er zu Ende gesprochen hatte:
„Liebe Tochter, wie du siehst, habe ich gerade alle Hände voll zu tun. Bitte bringt jetzt Papa etwas Wasser zu trinken!“
Die älteste Tochter sagte daraufhin mit lauter Stimme zu ihrem Vater:
„Papa, hol’s dir selbst, bitte!“
Meine Bitte machte eine Runde und kam schließlich wie ein Bumerang zu mir zurück. An diesem Tag fühlte ich mich wie das Schlusslicht in der Familienhierarchie. Es war ein etwas trauriger Tag für mich.
Ein paar Tage später, auf dem Heimweg von der Arbeit, rief ich meine Frau an:
„Schatz, nach Feierabend bin ich jetzt auf dem Nachhauseweg. Könntest du bitte etwas Leckeres für mich zaubern?“
Meine Frau hatte die älteste Tochter gebeten, das Abendessen vorzubereiten, denn sie musste noch einige Besorgungen machen. Ich betrat das Haus und fragte mich, ob meine älteste Tochter tatsächlich mein Abendessen zubereiten würde. Doch dann wurde mir warm ums Herz, als ich meine Tochter Schweinebauchfleisch grillen sah. Meine innere Wut über ungestillten Durst schien völlig verflogen zu sein. Plötzlich traten mir Tränen in die Augen, und als ich mich beim Putzen der kribbelnden Nase an meine älteste Tochter wandte, sprach sie auf einmal zu mir:
„Papa, spül aber das Geschirr ab!“
Wie erwartet hatte meine älteste Tochter den Tisch gedeckt, weil sie ihrer Mutter, die in der Familienhierarchie weit über ihr stand, nicht widersprechen konnte. Ich verspürte erneut einen Stich der Traurigkeit. Trotzdem war das Abendessen mit meiner herzensguten Tochter köstlich. Nach der Mahlzeit wollte ich gerade das Geschirr mit lauwarmem Wasser abwaschen, als sie mich dazu aufforderte:
„Papa, bitte ruh dich doch im Schlafzimmer aus. Ich mache das schon.“
Ich hatte gedacht, meine älteste Tochter stünde über mir, aber ich irrte mich. Sobald meine Frau vom Einkaufen zurückkam und einen Apfel für mich schälte, sprach sie mir liebevoll Mut zu und fügte hinzu, ich hätte heute hart gearbeitet. Wozu braucht man bei so einer wertvollen Familie eine unnötige Rangordnung? Ein Lächeln huschte über mein Gesicht. Ich bin wirklich gesegnet, Söhne und Töchter zu haben, die mir wie Freunde sind, und eine Lebensbegleiterin, die sich Tag und Nacht rund um die Uhr um mich kümmert!