Solange man das Gleichgewicht nicht verliert

Das in die repräsentative Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit aufgenommene „Jultagi“ ist die traditionelle koreanische Kunst des Seiltanzes. Künstler balancieren dabei auf einem hoch gespannten Seil und verbinden Akrobatik mit Tanz, Humor und Gesang.
Das Seil ist gerade einmal drei Zentimeter dick. Einziger Ausgleich für die Balance ist ein schlichter Papierfächer in der Hand des Tänzers. Wenn er ins Schwanken gerät, scheint er jeden Moment abzustürzen – dem Publikum stockt vor Spannung der Atem. Doch Schritt für Schritt bewegt er sich weiter: Er duckt sich, nutzt die Federung des elastischen Hanfseils zum Aufrichten und schnellt mit waghalsigen, präzisen Sprüngen in die Höhe.
Was dem Künstler diese scheinbare Schwerelosigkeit auf dem dünnen Seil verleiht, ist sein unerschütterliches Gleichgewicht. Die Kraft, die ihn trotz allen Wankens vor dem Sturz bewahrt, ruht in seiner starken Körpermitte. Jedes Wackeln und Zittern ist dabei kein Fehler, sondern Teil des Prozesses, die Balance zu bewahren.
Mit unseren Gedanken verhält es sich ganz ähnlich. Manchmal fühlen wir uns hin- und hergerissen, unsicher und instabil. Doch solange wir unser inneres Gleichgewicht nicht verlieren, sind diese Momente der Unsicherheit lediglich Schritte auf dem Weg zur Einkehr. Solange wir in unserer Mitte verankert bleiben – selbst wenn wir schwanken –, gehen wir mit festen, selbstbewussten Schritten voran.