Die Fabel vom Kastanienhain

Ein Mann wanderte durch die Berge, als plötzlich ein Vogel mit ungewöhnlich großen Flügeln an ihm vorbeiflog und im Gebüsch verschwand. Neugierig nahm der Mann seine Steinschleuder und folgte dem Vogel. Er entdeckte ihn auf einem Ast sitzend, völlig regungslos und ahnungslos, dass sich ihm der Mann näherte. Bei genauerem Hinsehen stellte er fest, dass der Vogel eine Gottesanbeterin im Visier hatte. Doch auch die Gottesanbeterin nahm den Vogel nicht wahr, denn sie lauerte voller Konzentration einer Zikade nach.
In diesem Moment kam ein Förster auf den Mann zu und schimpfte mit ihm, weil er ihn irrtümlich für einen Kastaniendieb hielt. Erst da begriff der Mann, dass er bei der Verfolgung des Vogels auf ein fremdes Grundstück mit Kastanienbäumen geraten war.
Diese Geschichte stammt aus dem Kapitel „Bergbäume“ des Zhuangzi, einem alten chinesischen Text. Daraus entstand der Spruch „Gyeonlimangui (見利忘義)“, was übersetzt bedeutet: „Wenn man Gewinn/Vorteil sieht, vergisst man die Gerechtigkeit.“ (oder: „Aus Geldgier/Vorteilsbedacht seine Moral über Bord werfen“).
Wenn wir uns zu sehr auf kleine, unmittelbare Vorteile konzentrieren, verlieren wir möglicherweise das Wesentliche aus den Augen, und das kann zu Problemen führen. Wenn also ein Verlangen aufkommt, ist es ratsam, innezuhalten und zu überlegen, was wir sonst noch aufs Spiel setzen könnten.